in charge of rock `n` roll
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               Beth Hart - War in my mind

VÖ: 27.09.2019                                                     PHOTO BY: rockfrank

Label: Provogue

Producer: Rob Cavello

Beth Hart ist ein musikalisches Geschoss, eine bluesbasierte Handfeuerwaffe, ein Gesetz. Man muss es mal so trivial ausdrücken. Sei es, um einfach eine gewisse Wirkung auf den Hörer, in dem Fall auf den Leser (speziell für diejenigen, welche die Sängerin noch nicht kennen) zu erzielen, oder sei es nur, um ihre außerordentliche Stimmgewalt zu unterstreichen. Viele Künstlerinnen unserer Zeit werden gerne mit Janis Joplin verglichen, aber nur Beth Harth besitzt die stimmliche Referenz der feministischen Leitfigur der 1960`er Jahre, ohne sie jedoch zu kopieren oder nachzuahmen. Sie behält ihre Eigenständigkeit und ist dabei so markant und intensiv wie keine zweite. Außerdem geht mir nach einigen vorangegangenen Rezessionen und Berichten über Beth Hart langsam die Vokallehre aus, welche der Wertschätzung ihres Schaffens gerecht wären. Und trotzdem wage ich mich erneut in das waghalsige Terrain einer Rezension, wohl wissend zum Superlativismus zu neigen, aber anders kann ich die u.s.-amerikanische Künstlerin nicht mehr reflektieren. Um mich aber selbst auszubremsen und die Erwartungen der Leser nicht ins unermessliche zu treiben, gebe ich nach dem ersten Hördurchgang folgendes zu „Bedenken“: „War in my mind“ ist aus künstlerischer Sicht sicher ein essenzielles Album. Beth Hart gibt sich darin so verletzlich und aufrichtig wie noch nie. Sie legt ihre Seele offen, roh, schmerzerfüllt und empfindsam. Und auch für den eingefleischten Fan ist dieses Werk mehr als Essenziell. Jene Hörer allerdings, die eher mit der Erwartungshaltung eines Bluesrockwerkes, wie ihre Kollaborationen mit Joe Bonamassa, an die Sache gehen, kommen hier nicht ganz auf ihre Kosten. Sie hat dem Bluesrock auf ihrem neuen Werk etwas abgeschworen, zugunsten Piano getragener Balladen, die fast de fast die ganze Langrille bestimmen. Und doch gibt es auch Auflockerungen schnellerer Gangart mit manchmal unerwarteter Wendung. Doch schlussendlich ist es ganz egal, was Beth von sich gibt, ihre kraftvolle, unverkennbare Stimme, macht jeden Song zu einem Juwel.

 

Das sie allerdings nicht immer nur Glücksseligkeit empfand, ist hinlänglich bekannt. Schon auf ihrem Album „My california“, aus 2010, verarbeitete sie viele Erlebnisse jener schweren Phasen. Diese Art Selbstheilung führt sie auf ihrem aktuellen Werk nun eklatant fort. Sie spricht über ihre Sucht, Liebe, ihre früheren Alkoholprobleme, ihren Vater und ihrer bipolaren Störung, mit der sie zeitlebens kämpft. Und auch ihre Schwester thematisiert sie noch einmal, die vor vielen Jahren bereits an übermäßigem Heroingebrauch starb, und der sie auf „My california“ mit „Sister heroine“ bereits ein Andenken setzte. So erleben wir ein durchaus biografisches Werk, dass aber nicht nur Melancholie bereithält, sondern auch in Teilen aufgelockert ist. Aufgenommen und abgemischt wurde es von Rob Cavello und Doug McKean. Ersterer ist ein erfolgreicher Schallplattenproduzent, der schon mit Größen wie Eric Clapton, Phil Collins, Green Day oder Alanis Morissette zusammenarbeitete. Erschienen ist „War in my mind“ in 4 (!) verschiedenen Vinyl Auflagen (alle auf Doppel-LP). Zum einen als klassische, schwarze Scheibe, desweiteren auf limited light blue vinyl, auf limited marble vinyl (war bereits im Vorfeld wegen der hohen Nachfrage vergriffen), und, in einer Auflage von nur 750 Exemplaren weltweit, als weiße Ausführung (white vinyl). Wenn das mal keine Auswahl ist. Und für alle Verfechter der compact disc natürlich auch noch auf CD bzw. limited edition boxset mit 2 Bonustracks und diversem Merchandise.

Alleine das Cover des Albums schreit schon nach einer Stellungnahme, so intensiv und eindringlich wirkt es auf den Betrachter. Hart sitzt an ihrem Klavier, augenscheinlich irgendwo an einer Landstraße, Gewitterwolken ziehen am Himmelsgewölbe auf, es blitzt, ein paar schwarze Vögel am Firmament. Klappt man das große Gatefold-Cover auf, läuft sie jene Straße ihres Weges und wirkt, auf dem Foto links, gedankenversunken. Eine Affinität zu dem Themen, welche sie auf diesem Album verarbeitet. Ihre inneren Dämonen.

Schaut man sich nun das Foto auf eine der beiliegenden Postkarten an (die es nur in der CD Box Version als Ergänzung gibt), nimmt es einem fast den Atem. Provokativ, vielleicht ihren Dämonen zum trotz, sitzt Hart auf der Pritsche eines Pickups, ihr Klavier im Hintergrund auf selbiger, und am Horizont erkennen wir wieder die schwarzen Vögel, diesmal vor der Kulisse eines grandiosen Sonnenuntergangs. Auf der linken Seite immer noch Wetterkontroversen und Blitze. Eine Wahnsinns Aufnahme.

Der Opener war gleichzeitig auch ihre erste Single-Auskopplung, und in jener lässt sie es ordentlich grooven und krachen. In „Bad woman blues“ hämmert Beth virtuos auf ihr Klavier ein, es rockt, es grollt, es scheppert. Vereint mir ihrer vokalen Darbietung steht die Amerikanerin sofort im Zentrum der Energie. Lasziv und herausfordernd erinnert sie erneut an Größen wie Joplin, oder in jüngerer Vergangenheit Tina Turner. Textlich erzählt sie hier von einer verschlagenen Frau, die sich ihrer aber nicht zu schade ist und zur ihrem lifestyle steht. Der Song steckt an, ein mehr als gelungener Einstand!War in my mind“ spiegelt hingegen einen ganz anderer Teil ihrer Seele wieder. Hart geht gnadenlos mit sich ins Gericht. Mit fragilen Lyrics erzählt sie von den Jahren ihrer Suchterkrankung und von einer Geistlichen, durch die sie die ersehnte Hilfe erfuhr. Im Text heißt es unter anderem; „Es ist schwarz in meiner Seele, und ich ernte genau das, was ich säte. Ich weine die ganze Zeit, auch wenn es mir nicht gefällt“. Eingebettet in eine gänsehautlastige Klavierballade, bleibt ihre satte Stimme integraler Bestandteil des Songs. Überhaupt rückt das Klavier auf dem gesamten Album mehr in den Vordergrund als sonst, Gitarren rücken, wie eingangs erwähnt, etwas in die zweite Reihe. Ich denke man kann nur in der Lage sein solch ein Stück zu schreiben („War in my mind“), wenn man, wie im Fall von Beth Hart, dass verarbeitete auch wirklich erlebt hat. Die Authentizität in jenem Stück ist außergewöhnlich. Anders ist es nicht zu erklären, wie Beth es immer wieder schafft ihren musikalischen Ausdruck zu modellieren.

Eher jazzig anmutend geht es in „Without words in the way“ weiter. Wir hören die satten Klänge eines Kontrabass, welches den Song einleitet, bevor Beth Klavier die Autorität wieder übernimmt. Mit schmerzerfülltem Timbre beklagt sie hier eine Liebe die sie vergebens umwarb, es geht um mentale Verluste und Schmerzen. Fast flehentlich präsentiert sie uns 04:37 Minuten, die unter die Haut gehen. Im folgenden „Let it grow“ kommt gar ein Gospelchor zum Einsatz, der die Melancholie der Hoffnungslosigkeit unterstreicht, bzw. Mut zum weitermachen suggeriert, wie man dem Text entnehmen kann. Hart selbst sagte in einem Interview dazu: „Also holte Rob (producer) den besten verdammten Chor, den er finden konnte und es hörte sich an, als hätten sie eine Kirche in dieses Album gesteckt“. „Try a little harder“ dagegen ist eine ausgelassene fußwippende midtempo Nummer. Thematisch verarbeitet sie hier jedoch die Spielsucht ihrer Vaters, wenn sie offensichtlich die Spielotheken von Las Vegas charakterisiert. Ein absoluter, wenn auch emotional sehr trauriger Höhepunkt auf „War in my mind“, ist der Song „Sister dear“, in welchem Beth erneut ihrer früh verstorbenen Schwester Sharon gedenkt. Es ist auch eine Art Entschuldigung. Ungeschminkte, vertonte Trauer, ein hauchzartes Flehen, sofort steigt dem Rezensenten Tränenwasser auf. Fast anmutend und scheinbar ohne jegliche Lenkung, streichen ihre Hände über die die Tastatur, spielt sie die Partitur herunter, gefangen in den Emotionen des Songs, voller Schwermut und Schmerz. Hart bewegt den Hörer durch sehr intime Momente, ihr fragiles Vibrato lässt niemanden unberührt. Ich ziehe mir für einen zweiten Hördurchgang meinen Studiokopfhörer über, um gerade gehörtes überhaupt auffassen zu können, die Eindringlichkeit ihrer Trauer zu begreifen. Hier ist erst mal durchatmen angesagt. Ein Song, der tief in die Biografie der Künstlerin greift.

Eher ungewohnte Töne durch stilistische Facetten finden sich auf „Spanish lullabies“. Wie der Titel schon vermuten lässt, kommen hier Flamenco Klänge zum Tragen, die eher unkonventionell für ein Bluesrockalbum sind. Irgendwie schafft es die Künstlerin aber die neuen Einflüsse mit ihrer eigenen musikalischen Welt zu kollabieren, und beim 2. durchhören kommt es einem schon gar nicht mehr so exotisch vor. Eine Ballade hymnischen Ausmaßes und ganz anders musikalisch arrangiert ist „Rub me for luck“. Ganz großes Kino hier in puncto Stimme und Klavier, aber auch Streicher und Bläser sind zu hören. Das ganze ist fast sinfonisch angelegt. Ein Blues mit schon cinematistischen Ausdehnungen. Hart holt hier wirklich alles aus sich heraus. Der Song bewegt sich mit rasanter Geschwindigkeit und Dramaturgie einer steilen Klippe entgegen, dessen Überflug nur von der Künstlerin selbst wieder gestoppt werden kann, indem sie ihn sanft mit ihrer Klaviatur stufenweise ausbremst und behutsam beendet. Phantastisch. Beth Hart übertrifft sich hier eindeutig selbst! „Sugar shack“, der 9. Titel des Albums, wirkt als erster Titel etwas befremdlich auf den Rezensenten. Die beinahe tanzbare Nummer will nicht so recht in den musikalischen Kosmos der Künstlerin passen, scheint eher einem Tanzschuppen entsprungen, wo glitzernde Discotheken-Kugeln ihr buntes, geteiltes Licht in den Raum werfen. Auch hier besingt sie eine verlorengegangene Liebe und hofft auf eine Wiedervereinigung.Etwas gewöhnungsbedürftig, wie ich finde. Musikalisch sicher etwas gewöhnungsbedürftig, wäre da nicht des Sängerins Stimme, die unbeirrbar und charakterfest allen fremdartigen Stilfarben die Stirn zeigt, und somit immer noch das Beste aus einem Song rausholt. Das geschmackvolle „Woman down“ hingegen versöhnt uns wieder mit gewohnten Tonfarben. Eine in sich gehende Klavierballade, getragen von Beths kraftvoller Stimme, die jederzeit Raum für Nuancen lässt. Hier rückt auch zum Ausklang des Tracks die 6-saitige von ihrem Gitarristen wieder etwas mehr in den Vordergrund. Die gefühlsbetonte Klangkunst von „Thankful“ ist eine Art Glaubensbekenntnis. Ohne ihre Überzeugung von Gott hätte die Sängerin ihre jahrelange Sucht wohl kaum in den Griff bekommen. Allen ihren Dämonen zeigt sie hier die Stirn. Ihre alles verzehrende Liebe zu Gott und zu ihrer Mutter, an die jener Song auch gerichtet ist, kommt hier zum Ausdruck. Wieder Gänsehaut. Wie macht diese Frau das nur.......

Auch im Kehraus des Albums bleibt es einfühlsam. Und irgendwie berührt er den Rezensenten besonders, ohne das dieser es durch irgendetwas begründen könnte. Nur vom Klavier begleitet, verträumt, ehrlich, authentisch. So wirkt „I need a hero“ alleine beim ersten Hörgang. Ich höre ihn 2, 3 oder 4 mal hintereinander. Wunderschön!

 

 

War in my mind“ ist eine bedingungslose Offenbarung, vielleicht sogar ihr persönlichstes Album überhaupt. Ihr Klavier bildet das Fundament und fängt zu jeder Zeit dies Dynamik der Songs ein. Das gesamte Album bleibt durch die Melodiethemen des Tasteninstruments miteinander verbunden. Mitfühlende Melancholie begleitet fast alle Songs ihres 13. Studioalbums, und ihre Ihr kraftvoller, teils fragiler Gesang sorgt für eine Klangästhetik, die ihres gleichen sucht. Beth Hart, so scheint es, spielt hier komplett ihre Seele aus. Wer hier von Behäbigkeit spricht, nenne ich einen Narr! Weiß man um die Bedeutung von „War in my mind“, kann man sicher von einem Epos sprechen. Nichts anderes stellt jenes Album für mich da.

 

 

 

 

 

rockfrank

 

 

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