in charge of rock `n` roll
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Gov`t Mule - Revolution Come...Revolution Go

VÖ: 09.06.2017                               PHOTO BY: rockfrank

„Klang ist ein gefangener der Zeit“. So drückte es einst Pierre Schaeffer aus, französischer Komponist und Schriftsteller (1910 - 1995). Worauf der Arrangeur diese Aussage seinerzeit bezog, war die revolutionäre Musik der West-Berliner Band Tangerine Dream. Sicherlich eine Referenzmarke zu ihrer Zeit, Elektronik-Pioniere. Mit Synthesizern und allerlei  technischen Raffinessen erschufen die fünf West-Berliner 1967 eine neue Dimension ausgedehnter Klangebenen und experimenteller Tonkulissen und durchbrachen so die von Schaeffer arretierte Zeit. Bei Gov`t Mule verhält es sich analog bezüglich des Sounds. Zwar nicht elektronisch, aber Klänge aus ihrem Schaffenswerk überwinden gleichermaßen jegliche Zeit und Raum, lassen physikalische Gesetze außer Acht und Oszillieren zwischen Realität und Illusion. Mit ihrer künstlerischen Odyssee haben sie ein Refugium geschaffen, einen Zufluchtsort für psychedelische Exkursionen, frei von synthetischen Beihilfen. Was auch immer ihre Kreativität beflügelt, es ist ein Mysterium. Ihr Broterwerb ist längst zu einer Mission geworden. Sinnliche Überzeugungen und Ästhetik mit aussagekräftigen Denkweisen zeichnen ihre Geschäftigkeit aus. Nun ist ihr langersehntes neues Album, „Revolution Come… Revolution Go“,  erschienen. Allein die beiden im Vorfeld veröffentlichten Songs, „Sarah, surrender“ und „Stone cold rage“, trugen nicht gerade zu meiner Entspannung bei. Besonders letzterer entbrannte Verlangen auf das neue Werk.

 

Sofern es überhaupt einen Ausweg aus der Alltäglichkeit gibt, zumindest musikalisch, dann heißt sie Gov` t Mule. Innovator und Bandleader des  Power-Quartetts ist Warren Haynes. Die Band ist so etwas wie mein Seelen-Kompass (geistig) geworden, ein fester Lebensbegleiter deren Schaffen essentiell ist. Ihre musikalische Darstellungsweise ist enorm. „Revolution Come… Revolution Go“, das neue Album der Protagonisten, die sich im Spannungsfeld von  Jam, Southern -und Bluesrock bewegen, ist ihr dato 10. Studioalbum und ihr Debut Fantasy Records. Jedoch war man diesmal so vielfältig wie noch nie und hat alle möglichen Stilelemente einfleißen lassen. Mit Spannung darf man heuer auch Jazz -oder Country Arrangements erwarten. Die Produzenten des Albums sind Gordie Johnson und der großartige Don Was. Dass die Band auch politisches Bewusstsein auszeichnet, untermauern  sie  abermals auf diesem Tonträger. Man bewahrt den anarchischen Charakter des Rock `n` roll und trägt ihn fort. Bereits im Vorfeld konnte man in diversen Interviews mit Bandleader Haynes entnehmen dass diese Platte etwas Besonderes ist. Haynes: „Es gibt definitiv einige Songs und einige Momente, die mich an die frühen Sachen zurück erinnern. Und dann gibt es einige Dinge, die ich für uns neu und anders finde. Wir sind sehr glücklich damit.“ Das neue Album wurde am Tag der umstrittenen U.S. Wahlen im November 2016, dem „Election day“, in Austin, Texas, aufgenommen. Wenn auch eher zufällig, ein klares Zeichen. Einige der Songs wie „Stone cold rage“, „Revolution come…revolution go“ oder "Pressure under fire“, sind entsprechend politisch motiviert. Warren sagte sinngemäß dazu: „ Wir haben das ganze politische Ding verfolgt und sehen eine Spaltung, die wirklich stärker ist als alles andere, was ich bis jetzt in meinem Erwachsenenleben gesehen habe“. Rock `n ` roll ist eben auch ein Transportmittel. Aber nein, Gov`t Mule sind nicht zum politischen Sprachrohr geworden. Man macht sich nur etwas Luft. Insgesamt ist die neue Platte eine, wie schon erwähnt, sehr vielfältige, vielfältiger vielleicht als man es bisher von der Band gewohnt ist. Zumindest in musikalischer Hinsicht. Die ist nicht zuletzt ihren mannigfaltigen Einflüsse zu schulden, schließlich wurde man schon in der Jugend Jahren von vielen Stilen geprägt, und die schlagen auch auf „Revolution „Come...Revolution Go“, durch. Thematisch hingegen finden sich neben politischen Eindrücken auch Songs über das Leben, die Liebe, und anderen Geschichten.

 

Selbstredend habe ich mir die Vinylausgabe der unterschiedlichen Tonträgerformate besorgt, ziehe aber zur Besprechung ausnahmsweise die CD Version vor, da es diese in einer deluxe Ausgabe gibt, welche noch eine Bonus CD mit 6 weiteren Tracks enthält und auch Einblick in die Texte gibt. Das Album-Artwork zeigt einen nach hinten sitzenden Soldaten auf einen leicht ramponierten, aufziehbarem Spielzeug-Esel, der auf den ersten Blick in ein Megaphon brüllt. Schaut man genauer hin, erkennt man einen Straßenmakierungszylinder. Der Künstler Richard Borge entwarf hier ein Cover was den politischen Zeitgeist in den U.S.A. trifft. Warren Haynes sagt darüber: „Diese Person schreit ins Leere und schaut in die falsche Richtung“. Kommt euch das bekannt vor?

Der opener gleicht einem Prolog, denn er gibt die Richtung vor - Revolution und Rock `n` roll. „Stone cold rage“ beschreit gleich zu Anfang politisch und gesellschaftliche Missstände. Der Song ist ein kraftvolles, 6-minütiges Bluesrockpaket mit lyrischer Aussagekraft.  „Mama wird ein Märtyrer“ heißt es immer wieder im Refrain. Die ironische Färbung ist hier nicht zu überhören. Kompromisslose, harte Gitarrenarkorde gepaart mit Warrens eindringlichen Vocals und der konstitutiven Arbeit von Danny Louis, Jorgen Carlsson und Matt Abts, der immer wieder rhythmische Drumm-Fills einstreut, machen das Zugstück zu einem fetten Bluesrocker. Aus diesem Arrangement heraus gelingt es Gov`t Mule in Verbindung mit entschlossener Hingabe und einem lebindigen Klangbild einen akustischer Trip zu schaffen, der dich einfach nur fesselt. So darf es weiter gehen. Das kompositorische Niveau des Openers nun aufrecht zu halten schien mir ein hartes Stück Arbeit, aber Gov`t Mule sind qualifizierte Kompetenzen in ihrem Territorium. So kommt  „Drawn that way“ fast noch eine Spur abgebrühter rüber. Ein cooles Boogie-Rock Intro in Angus Young Manier, Instrumente und Gesang harmonieren hier in absoluter Kunstfertigkeit, Rock `n` roll in Perfektion. Eine brennende midtempo Nummer die kraftvoll geradeaus shuffelt und nach drei Minuten die Richtung wechselt. Drummer Matt Abts erhöht die Taktzahl, Warrens beißende Licks übernehmen die Vormachtstellung und Jorgen hämmert auf seinem Bass ein als säße ihm der Teufel im Nacken. Nach gut zwei Minuten glühender Instrumentalarbeit klingt „Drawn that way“ dann aus. So zieht sich der musikalische Faden weiter durch das Album. „Pressure under fire“ hat einen souligen Southern-Rock Schliff mit erneut brisanten politischen Zwischentönen und ist für mich einer der stärksten Stücke des Albums. Hier stimmt einfach alles. "The man i want to be“ ist eine erlesene Liebesgeige mit einem betuchten Blues Groove. „Traveling tune“ dagegen ist ein akustisch anmutender road song mit beachtenswertem countryeinschlag. Hier beschreibt die Band die Synthese zu ihrer Fanbasis und gedenkt zugleich an verstorbene Wegbegleiter. Die zweistimmige Gitarrenharmonie untermalt den Song entsprechend gemütvoll.

Bei  „Thorns of life“ musst du erst mal Luft holen. Wie geil ist das denn? Der Titel mutiert sofort zu einer meiner Lieblingsnummern. Zunächst vieldeutig psychedelisch, die Richtung noch ungewiss. Harmonisch changieren Gesang und Instrumente, selbst Dannys Posaune ist integriert. Plötzlich ausufernden Klangexplosionen und psychedelische Exkursionen in einem fantastischem Jam mit den irrwitzigsten Phrasierungen. Ein wahnsinniges, fast 9-minütiges Meisterwerk! Das nachfolgende „Dreams & songs“ berührt den Autor mit den ersten Tönen. Großes Gefühlskino beschwören Warren und seine Band hier mit ihrem Groove herauf. Klarer Gesang und Einfühlungsvermögen beherrschen das Songfeeling. „Sarah, surrender“ hingegen erinnert mich stark an Warrens Solo Ausflug 2013, als er mit „Man In Motion“ einen soulig-groovend anmutenden Alleingang hinlegte. Ein entspannter, unbekümmerter Song, der gefällt. 

Der Titelgeber, „Revolution come…revolution go“ fördert ohne Vorbehalte nochmal aktuelle politische Abbilde ins Bewusstsein und setzt somit ein Ausrufezeichen! Für "Burning point" hat man sich namhafte Unterstützung ins Studio geholt. Bluesrocker Jimmie Vaughan, jüngerer Bruder des 1990 verstorbenen Ausnahmekünstlers Stevie Ray Vaughan, steuert hier einen bärenstarken Beitrag auf seiner 6-saitigen bei. Der tighte Bass von Jorgen Carlson und Matts Drumm-Fills bilden ein sattes Fundament. Dazu setzt  Vaughan gut platzierte Riffs, Genuss pur. „Easy times“ ist ein, zumindest im Intro, Hendrix affinierter, ausdrucksvoller Song , charakteristisch gleichsam "The wind crys Mary". Und das abschließende "Dark was the night, cold was the ground" ist ein von Blues-Legende Blind Willie Johnson bereits 1927 eingespielter instrumentaler Gospel blues Titel, der durch Gov`t Mule eine authentische Überarbeitung erfährt und dank ihres Frontmanns nun auch einen Text erhalten hat. Die Jamrocker machen aus dem Traditional einen gospellastigen Rocksong, setzen ihn in einen rockigern Kontext. Fantastisch!

 

Und weil man einfach nicht genug von dieser Band kriegen kann, gibt es als Zugabe in der CD Ausführung noch einen zweiten Silberling dazu. Hierauf finden sich 3 Bonustracks, eine alternate Version und 2 Live tracks in der Studio Version. "What fresh hell", "Click-track" und das tief gehende, versunkene "Outside myself" schließen nahtlos an CD 1 an. Vor allem "Click-track" brilliert hier als straighte Rock `n` roll Nummer die dir durch Mark und Bein geht. Immer wieder landet mein Finger auf der repeat Taste. Die beiden Livefassungen fangen die Energie der Band nochmal von einer anderen Seite ein und überzeugen auf Anhieb. Die feinfühlige, seelenvolle Ballade "Outside myself" hervor, die den Autor nochmal ins Schwärmen geraten.

 

Fazit: Das künstlerische Energielevel der Band scheint schier unerschöpflich. Ihr Schaffen hat für mich eine reinigende Wirkung. Fehlende kreative Courage kann man der Band jedenfalls nicht vorwerfen. Schaut man sich das politische Bewusstsein in manchen Songs an erkennt man geradezu rebellische Züge. Sie machen keinen Hehl daraus ihre Botschaften  zu proklamieren und manifestieren ihre Aussagen in Form ihrer Texte. Ich möchte aber das Augenmerk im Resultat auf den musikalischen Aspekt des Longplayers halten, und der ist zweifelsohne außergewöhnlich. Das Album pendelt zwischen Soul, Rock, Funk, Southern und Country. Man hat sich wahrhaftig keine Restriktionen auferlegt. Gov`t Mule schaffen es immer wieder dich in einen emotionalen Schwebezustand zu versetzten, ohne dass das Unternehmen den Orbit verlässt, ausser Kontrolle gerät. Mal rau und eindringlich, mal hoch emotional. Sie bewahren sich auf dem Album ihre Selbstverwirklichung und entwickeln sich weiter. Ein wichtiger Meilenstein in ihrem Katalog. Man spürt mit jeder Note die Hingabe, die tiefe Verbundenheit zu ihren Wurzeln. Mit brennende Spielfreude zelebrieren sie die Macht des Rock `n` roll. Sie transportieren ein Lebensgefühl. Sie sind die Essenz des Rock, daran gibt es keinen Zweifel.

 

Revolution Come…Revolution Go“ ist ein Pflichtkauf für alle Esel-Jünger und ein musikalisches Statement wie es nur Gov`t Mule erschaffen können. Bleibt die Vorfreude auf die angekündigten Live Termine im Herbst 2017 !

 

 

 

Gov`t Mule können das Tor zu einer anderen Welt sein. Sie öffnen Türen. Was immer du dir wünschst, hinter dieser Tür ist alles möglich !

 

 

 

 

 

 

 

rockfrank

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Musik heilt.

Sarah Smith

Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie.

Ludwig van Beethoven

Es wird keine Beatles Reunion geben, solange John Lennon weiter tot bleibt.

George Harrison

Das M in MTV stand nie für Musik, es stand schon immer für Money.

Neil Young

Wir mögen alles, was eine heftige Reaktion gegen die Norm darstellt.

Jim Morrison

Ich möchte zeigen, dass Gospel, Country, Blue, Jazz und Rock ein und dasselbe sind.

Etta James

I like beautiful melodies

telling me terrible things.

Tom Waits

Als dann feststand, dass Donald Trump gewonnen hatte, haben wir (Gov`t Mule) umgehend einen ausgedehnten Blues gespielt, um das ganze so aus unseren Systemen herauszukriegen.

Warren Haynes

Eine gute Sache an Musik ist, dass wenn sie dich trifft, du keinen Schmerz spürst.

Bob Marley

Man wird Bob Dylans Lieder auch dann noch hören, wenn wir alle längst tot sind.

Bruce Springsteen

The blues had a baby and they call it Rock`n` Roll.

Muddy Waters

Mick ist Rock, ich bin Roll.

Keith Richards

Ich weiss nicht wer ich bin. Aber das Leben ist zum Lernen da.

Joni Mitchell

Ich habe geträumt, dieses Land hätte mal wieder eine gescheite Regierung! Aber es war nur ein Traum! "Well done, Germany!"

Elton John

Jesus wurde gekreuzigt, weil er bemerkt wurde. Deswegen verschwinde ich häufig von der Bildfläche.

Bob Dylan

Wenn du dich an die 60er erinnern kannst,

warst du nicht dabei. 

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Janis Joplin

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Before Elvis there was nothing.

John Lennon

Clarence hat die E Street nicht verlassen, als er gestorben ist. Er wird sie verlassen, wenn wir sterben.

Bruce Springsteen

Der Blues und eine gute Predigt haben viel gemeinsam.

Muddy Waters

Janis starb an einer Überdosis Janis.

Eric Burdon

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Gary Moore

Music takes us to a spiritual place.

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Rock `n` roll ist Weltmusik.

Wolfgang Niedecken

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