in charge of rock `n` roll
                       in charge of rock `n` roll

            Warren Haynes - Ashes & dust                                feat. Railroad earth

Manchmal, wenn man denkt einen Musiker zu kennen, sich auf seine Qualitäten beruht und immer davon ausgehen kann dass die nächste Veröffentlichung zu 100% authentisch und gut wie die vorherige wird, darf man schon mal positiv überrascht sein, wenn solche Künstler gewohnte Pfade verlassen und neues Terrain betreten. Wenn ein solcher Schritt im Ergebnis dann ebenso authentisch und perfekt klingt wie altbekanntes, als würde man schon immer diesen Weg gehen, dann kann es sich nur um einen Künstler handeln der zu einer solchen Wandlung fähig ist; Warren Haynes. Wer aufmerksame die Beiträge auf dieser Seite verfolgt wird dem U.S. Amerikaner schon intensiv durch seine Hausband Gov` t Mule kennengelernt haben, von denen ich bereits mehr als einmal berichtete. Anno 2015 machte sich der Frontmann der Truppe auf, um nach „Tales of ordinary madness“ und „Man in motion“, sein drittes Soloalbum aufzunehmen, „Ashes & dust“.  Das neue Terrain? Bluegrass, Folk, Americana und Newgrass. Das bedeutet  weniger E-Gitarre, neue Instrumente und zurück haltenderer Gesang als üblich. Unterstützung holte sich der Grammy-Gewinner dazu von der amerikanischen Roots/Americana Band „Railroad earth“. Hier kommen bevorzugt akustische Spielgeräte zum Einsatz.

 

Wir schreiben Mitte September 2015. Der Longplayer ist bereits einige Wochen auf dem Markt. Mir war es aber zuwider in diesem, für mich,  fürchterlichen Hochsommer der uns in jenem Jahr „heimsuchte“ eine solch wertvolle Platte in Ruhe zu besprechen. Da ist es nun weitaus angenehmer in der guten Stube und dass Musik hören macht wieder Freude. Beglückt halte ich die frisch gepresste Doppel LP in meinen Händen, stehe vor dem großen Plattenspieler und kann es kaum erwarten den Diamanten in die Startrille zu setzten. Alleine das Artwork ist beeindruckend, wirkt beruhigend.

Ich konnte es nicht lassen und hörte mir vorab sträflicher Weise einige Fetzen  auf youtube an. Was ich mitbekam war fantastisch! Völlig anders als den Warren den ich kenne und doch so gut und vertraut wie eh und jeh. Nun endlich das komplette Werk mein Eigen zu nennen, es sorgsam auf den Plattenteller zu legen und es vollends genießen zu dürfen, ist mal wieder ein Geschenk. Feierlich steht ein Glas Rotwein unweit auf meinem Schreibtisch, die Nadel bahnt sich ihren Weg durch die ersten Vertiefungen des Vinyls, dann beginnt „Is it me or you“. Das Album/der Song startet recht atypisch, ich höre Banjo, Mandoline, eine Fiddle, aber auch ein wunderschönes Slide-Soli im Verlauf des Titels.  Die Akustikarrangements sind perfekt aufeinander abgestimmt, der Rezensator ist begeistert. Die Americana-Einflüsse sind unüberhörbar, Warrens diskrete vocals tun ihr eigenes zur Sache, great! Ein ruhiger Midtempo Song erster Güte. Der perfekte Einstieg für 4 Seiten Vinyl, die vor mir liegen. „Coal tattoo“ folgt dezent dem opener. Augereifte Singer-/Songwriter Qualitäten kommen hier an die Oberfläche, welche so sicher nicht zu Gov`t  Mule gepasst hätten, Solo aber eine makellose Figur machen. Es verleiht mich gleich zum mitwippen, sofort nimmt mich die Atmosphäre gefangen. Auch hier eine wunderschöne Slide-Passage des Protagonisten. Übrigens, alle Akustik-Slides  spielt er meistens auf seiner Guild, einer akustischen Stahlseitengitarre, die in den U.S.A. produziert wird.  „Blue maiden`s tale“ hingegen beginnt fast mystisch, geheimnisvoll, instrumental; Gänsehaut vorprogrammiert. Warren selbst sagte unlängst über den Song in einem Interview sinngemäß folgendes: „Der Anfang klingt ein bisschen surreal, verträumt. Wir haben einfach etwas improvisiert“. So singt Warren dann auch von „tale“, also einer Geschichte, einer Fabel oder Erzählung. Impressionistische Klangbilder, in denen die Atmosphäre, der Ausstrahlungsbereich, wohlklingend dargestellt wird. Nach drei Titeln wird das Vinyl bereits zum ersten Mal gewendet, und es folgt „Company man“. In diesem  Folk-Picking, erzählt uns Warren die Geschichte seines Vaters verbunden mit dessen Berufung zur Brotarbeit, welche zu damaligen Zeiten nicht einfach gewesen sein mag, wirkt das Klangerüst auch recht aufheiternd.

 

Wenn ich eine kurze Zwischenbilanz ziehen müsste, sähe diese nun folgendermaßen aus: Saubere Töne,  grandiose Slide-Einlage sowohl auf der Elektrischen wie auf der Akustischen, wohlerwogene Singer-Songwriter Kontexte, dieses Album hat einfach alles was ein Americana/Folk Werk braucht. Für mich nach vier Songs schon jetzt im Olymp der wohl Besten Alben aller Zeiten angekommen! 

 „New year`s eve“ erzählt  über 04:36 Minuten eine melancholische Geschichte von Hoffnung und vielleicht Verzweiflung, liegengebliebenen Träumen und dass nächstes Jahr alles besser wird. Ein wunderschöner Song der dich da berührt wo er dich berühren will; in deinem Herz. Wer sich die limitierte CD Version gekauft hat kommt auf der Bonus CD in den Genuss einer Demoversion des Stückes. Noch reduzierter, noch ruhiger, nachdenklicher, man muss den Song lieben!

 

Dann folgt mein persönlicher Höhepunkt; „Glory roads“  - Die Schönheit dieses Stückes bringt mein rhetorisches  Ausdrucksvermögen ganz klar an meine Grenzen. Ich kenne den Song nun in drei verschiedenen  Versionen. Die hier vor liegende Albumversion, die akustische Demoversion auf der Bonus Beilage der CD Ausgabe, und dann noch als Solo Akustikversion, live eingespielt in Köln bei einem Interviewtermin mit der Zeitschrift „guitar acoustic“. Das ist dann auch jene die ich zuerst hörte, und die mich am meisten bewegt, nichtsdestotrotz die Bandversion auf dem Album aber ebenbürtig schön ist.  Für meine gedanklichen Impressionen ist allerdings eben diese in Köln eingespielte Soloversion verantwortlich, welche mich zu folgendem „Szenarium“ inspirierte, bzw. mir durch jenes eine Ausdrucksmöglichkeit offeriert; Ein eisiger Spätherbsttag Anfang November. Die Nacht weicht nur zögernd der anbrechenden Morgendämmerung, durch die Wolkendecke bahnt sich ein einzelner schwacher Sonnensstrahl den Weg auf die Erdoberfläche. Eine durch die Nacht ausgekühlte Atmosphäre beherrscht die Luft. Unterhalb einer felsigen Bergerhebung fließt ein Strom durch das ansteigende Gelände. Ein Vogel ähnlich einem Fabelwesen teilt durch einen wehmütigen  Klagelaut seinen Unmut über die frostige Befindlichkeit der vergangene Nacht mit. Irgendwo erstreckt sich eine Straße ins Nirvana, Menschenleer.  Unverhofft bricht plötzlich  ein zweiter Sonnenstrahl durch die herbstliche Atmosphäre und trifft auf durch Bodennebel bedeckte, hügelige Wiesen. Und genau dieser Strahl ist es. Er gibt das wieder was ich gerade höre. Er bringt Wärme, unendliche innere Wärme und Tiefgang, etwas von Hoffnung und Geborgenheit. All das höre ich in „Golry road“. Das Akusikarragement auf das nötigste reduziert, Warrens vocals klar und doch wirkt die Szenerie fragil. Mehr kann und will ich nicht sagen. Stellt euch die beschriebene Situation vor, bevor ihr den Song hört. Ihr müsst es euch vorher vor Augen führen und die Nadel dann in die Abtastrille setzten wenn der zweite Sonnenstrahl durchbricht. Für mich das higlight auf einer higlight LP!

Im nachkommenden „Gold dust woman“ findet sich gar ein Coversong auf dem Album. Es ist eine Fleetwood Mac Komposition und Warren gibt sie in seiner Version im Duett mit der Indie-Rock Sängerin Grace Potter zum Besten. Es ist der Song mit den vielleicht außergewöhnlichsten Instrumentenarrangements. Zugegeben, ich kenne vom bloßen Lesen auch nicht alle „Gerätschaften“ die hier zum Tragen kommen, aber sie klingen fantastisch. Der Meister selbst spielt eine 12-saitige Epiphone. Das traditionelle Zupfinstrument kommt dem Klang einer Akustikgitarre sehr Nahe, was man im Song auch deutlich wahrnimmt. John Skehan von Warrens Begleitband, Railroad earth, bedient ein Bouzouki, ein soweit mir bekannt griechisches Zupfinstrument (oder zumindest wird es oft in der griechischen Musik verwendet), mit einem birnenförmigen Korpus, und Andy Goessling eine National Steelbody, jener Gitarre oft ein brachialer, etwas härterer Sound nachgesagt wird.  Die Band verleiht ihrer Version von „Gold dust woman“ eine durchwachsene, fast wieder mystische Befindlichkeit, Grace Gesangseinlagen bemerkenswert, der ganze Track ist einfach unbeschreiblich gut.

 

„Beat down the dust“ lebt neben Warrens Gesang von fantastischen Fiddle und Piano Klängen, die das ganze unterstreichen. Die Grundspur bildet ein Picking auf der Akustischen mit simplen Akkorden. Man fühlt sich irgendwie ein Jahrhundert zurück versetzt, ein weitere Meilenstein der LP. Das Countrybeeinflusste „Wanderlust“ behandelt die Countryrocklegende Gram Parsons (1946 – 1973). Vocal-technisch wird Warren in diesem Song von der amerikanischen Sängerin Shawn Colvin unterstützt, die hier einen Gastbeitrag beisteuert. Die Töne der Harp entspringen Mickey Raphael (Willie Nelson Band), der damit  ebenfalls einen Gastbeitrag einspielt. Die Slides im Stück entstammen von Warrens geliebter Les Paul. „Spots of time“ läutet dann bereits die letzte Runde ein, eröffnet die letzte Seite des Doppelalbums. Perkussionen bestimmen hier zunächst das Klangbild, bassgetränkt bilden sie das Herzstück. Es geht inhaltlich um Erinnerungen, um Vergangenes. Warren erzählt die Story auf neutrale, ruhige Weise, begleitet von den Instrumentalarragements von Railroad earth. Ganze 08:23 Minuten begleitet mich die Geschichte durch den Abend. Der Track bildet das Verbindungsstück zu „Hallelujah boulevard“, welches den vorletzte Song des Albums bildet. Eine ergreifende Ballade die eindringlich in dein tiefes inneres vordringt. Mir fehlen mal wieder ein wenig die Worte. Das Album lebt von seiner Ungeschliffenheit und Direktheit, Warren und seine Mitstreiter haben hier eine Menge  Herzblut investiert.

 

„World on the wind“ ist der Ausklang eines hervorragendes Albums, jenes ich anno 2015 ausdrücklich zu meinem persönlichen Album des Jahres küren möchte, ohne jeglichen Zweifel. „World on the wind“ lässt deinen Blick noch mal nachdenklich melancholisch aus dem Fenster deiner Stadtwohnung schweifen, Gedanken gehen auf Reisen, Emotionen verschmelzen mit inneren Bildern, eine tiefe Befriedigung nimmt Besitz von mir. Danke Warren!

Was bleibt dem Rezensator zu sagen; Ich habe versucht einige Songs rethorisch einzufangen, ihre Energie, ihre Emotionen festzuhalten. Ich glaube nicht dass es mir besonders gut gelungen ist, doch bei einem solch erhabenen Werk sind mir leider literarische Grenzen gesetzt. Da lasse ich lieber die Musik für sich sprechen. Trotzdem war es mir ein Bedürfnis ein paar Sätze über eben gehörtes festzuhalten. Auf sachlicher Ebene kann ich euch noch vermitteln dass das Album analog aufgenommen wurde, live im Studio eingespielt, was deutlich spürbar ist.  Die Songs erzählen Geschichten und reflektieren Impressionen, man kommt nicht an diesem Werk vorbei, und man will es auch nicht. In einer viel zu schnelllebigen, wahnwitzigen Zeit in der wir heute leider leben, nimmt Warren Geschwindigkeit heraus, zeigt, dass es auch anders geht, begütigt. Jeder einzelne von uns sollte sich auf das „Kunstwerk“ besinnen, es verinnerlichen und leben! Erst dann macht wieder den Fernsehapparat an, schaut euch die Lügen der sogenannten "freien Medien“ an und lasst euch von ihren Aussagen blenden. Sollte es euch jedoch gelingen dieses zu unterbinden, schaltet die Volksverherrlichung wieder aus, geht zurück zum Plattenschrank und legt „Ashes & dust“ auf. Erst dann kennt ihr das wahre Leben! (Entschuldigt meine Ausschweifungen, aber angesichts der weltpolitischen Ereignisse im Jahr 2015 musste das mal gesagt werden).

 

Erneut vom sachlichen Standpunkt aus gesehen ist "Ashes & dust" ein hervorragendes Singer/Songwriter Album geworden mit musikalischen Qualitäten, die nur wenige Künstler auf dieser Erde aufweisen können. Warren gehört dazu. Gitarrentechnisch dürften hier wohl nur Joe Bonamassa und Derek Trucks in seiner „Liga“ spielen. By the way; Haynes machte in diversen Interviews bereits Andeutungen das zeitnah eine zweite LP dieser Art erscheinen könnte, da man für die Session rund 30 Stücke im Studio aufgenommen hat, von denen bekanntlich nun 13 veröffentlich sind. Wir dürfen also gespannt sein.

 

 

 

rockfrank

 

 

Suche den tiefen Sinn der in dieser Platte verborgen ist,

und du wirst gewinnen.

Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie.

Ludwig van Beethoven

Es wird keine Beatles Reunion geben, solange John Lennon weiter tot bleibt.

George Harrison

Das M in MTV stand nie für Musik, es stand schon immer für Money.

Neil Young

Wir mögen alles, was eine heftige Reaktion gegen die Norm darstellt.

Jim Morrison

Ich möchte zeigen, dass Gospel, Country, Blue, Jazz und Rock ein und dasselbe sind.

Etta James

I like beautiful melodies

telling me terrible things.

Tom Waits

Als dann feststand, dass Donald Trump gewonnen hatte, haben wir (Gov`t Mule) umgehend einen ausgedehnten Blues gespielt, um das ganze so aus unseren Systemen herauszukriegen.

Warren Haynes

Eine gute Sache an Musik ist, dass wenn sie dich trifft, du keinen Schmerz spürst.

Bob Marley

Man wird Bob Dylans Lieder auch dann noch hören, wenn wir alle längst tot sind.

Bruce Springsteen

The blues had a baby and they call it Rock`n` Roll.

Muddy Waters

Mick ist Rock, ich bin Roll.

Keith Richards

Ich weiss nicht wer ich bin. Aber das Leben ist zum Lernen da.

Joni Mitchell

Ich habe geträumt, dieses Land hätte mal wieder eine gescheite Regierung! Aber es war nur ein Traum! "Well done, Germany!"

Elton John

Jesus wurde gekreuzigt, weil er bemerkt wurde. Deswegen verschwinde ich häufig von der Bildfläche.

Bob Dylan

Wenn du dich an die 60er erinnern kannst,

warst du nicht dabei. 

Paul Kanter (Jefferson Airplane)

Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

Gustav Mahler

Wir können uns nicht aussuchen wie wir sterben - oder wann. Aber wir können entscheiden, wie wir jetzt leben.

Joan Baez

Es genügt nicht, sich eine neue Regierung über den Kopf zu stülpen wie einen neuen Hut, und dann darauf zu hoffen, dass sich in der Rübe, die darunter steckt, etwas tut.

Frank Zappa

Life is what happens when you have made other plans.

John Lennon

Auf der Bühne habe ich Sex mit 25.000 Menschen. Anschließend gehe ich nach Hause. Alleine.

Janis Joplin

Musik ist eine eigene Lebensform.

Jimi Hendrix

Before Elvis there was nothing.

John Lennon

Clarence hat die E Street nicht verlassen, als er gestorben ist. Er wird sie verlassen, wenn wir sterben.

Bruce Springsteen

Der Blues und eine gute Predigt haben viel gemeinsam.

Muddy Waters

Janis starb an einer Überdosis Janis.

Eric Burdon

Blues ist harte Arbeit.

Gary Moore

Music takes us to a spiritual place.

Layla Zoe

Rock `n` roll ist Weltmusik.

Wolfgang Niedecken

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