rock will never die
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Bruce Springsteen - Western stars

Titel: Western Stars

Vö: 14.06.2019

Label:Columbia Records

 

Bruce Springsteen nimmt seit jeher einen exponierten Platz in meinem musikalischen Universum ein, ist Wegbegleiter, Seelentröster und treibende Kraft. Nach 5 Jahren nun ein neues Album von ihm in den Händen zu halten, fühlt sich in Zeiten immer schneller werdender Digitalisierungen und weltpolitischen Chaos, wie eine Begnadigung an. Daher entschied ich mich diesmal auch für eine reine Kopfhörer-Review, einfach um dem neue Material mit der größtmöglichen Intensität zu begegnen. „Western stars“ ist auf Doppel LP erschienen, sowie einer limitierten weiteren Ausgabe im clear mixed / blue smoke Vinyl. Und für alle Nostalgiker natürlich auch noch auf CD. Als Gastmusiker treten unter anderem außerdem Springsteen`s Ehefrau, Patti Scialfa (backgrond vocals), in Erscheinung, Jon Brion (guitar), Matt Chamberlain (steel guitar) und der Fusionsmusiker David Sancious, der bis 1975 Mitglied der E-Street Band war. Außerdem zahlreiche weitere Künstler und Background Sängerinnen/Sänger. Zum Einsatz für die Review kommt der AKG K141 MKII Kopfhörer, natürlich kabelgebunden. Ein Klassiker.

 

 

Bruce Springsteen kehrt also anno 2019 nach 14 Jahren Soloabstinentes mit einem neuen Werk zurück. Wohlgemerkt, solo. Ihn ohne seine Begleitgruppe, der E-Street Band zu hören, ist, abgesehen von seinen jüngsten Shows am Broadway, lange her. 1982 war es „“Nebraska“, 1995 „The ghost of Joad“, 2005 das Soloalbum „Devil and dust“, und zuletzt das halbe Soloalbum „Wrecking ball“, 2012. Ein zorniges Werk auf der Grundlage der Finanzkrise 2008. Halbes Soloalbum, weil hier nur vereinzelte E-Street Band Mitglieder an verschiedenen Songs beteiligt waren. Vier, vor allen aber die ersten drei, einfühlsame, melancholisch angehauchte Folkrock-Alben, die Dir tief unter die Haut gehen, und in welchen er auch immer wieder seinen politischen Unmut äußerte. So machten sich im Vorfeld des jüngst erschienen neuen Albums, „Western Stars“, jenes dass insgesamt 19. Album des Künstlers ist, nicht nur Kritiker Gedanken, ob Springsteen`s Neuling nun ein politisches Beben wird. Auch und gerade im „House auf lords“, rund um Blender Donald Trumpf, dürften hier polarisiert auf das Erscheinen des Longplayers gewartet haben. Und irgendwie hat es Bruce Springsteen denn auch geschafft, die so genannten Volksvertreter abzustrafen; Mit völliger Missachtung! Ein brillanter Schachzug. Keine Seitenhiebe, keine Schelten, keine Vorwürfe. Stattdessen Themen über Tramper die durch das Land ziehen, Straßen, amerikanisch Träume und menschlicher Schicksale, von einem Amerika, was es vielleicht so nicht. Vertrautes Terrain also. Gerade letzteres könnte man vielleicht dann doch als Schelte gegen Trump deuten. Der Boss tut eben was er will!

 

Hitch Hikin“ eröffnet den Reigen 13 neuer Songs aus der Feder Springsteen`s. Ein Stück über einen Wandergesellen, einen Vagabunden, der durch das Land zieht, ohne eine emotionale oder örtliche Bindung zu haben. Die Nummer verleitet dich dazu verträumt aus dem Fenster zu schauen und deinen eigenen Träumen zu frönen. Ein roadmovie, wie man es gerne bezeichnet.

 

 

The wayfarer“ hingegen begegnet dagegen mit einer fast etwas verschunkelten Melodie und doch gewohnten Klängen des Protagonisten mit minimalen E-Street Anleihen. Hier passen sich Streicher und Bläser perfekt ins Springsteensche Soundgefüge und erinnern an ruhigere Nummern mit seiner Stammformation.

 

Wer nach diesen beiden Nummer noch geteilter Meinung ist über gehörtes, der mag mit „Tuson train“ versöhnt werden. Eine country-pop Nummer vom feinsten, die Deinen Stiefelabsatz im Takt des Sounds auf dass Laminat deiner Wohnstube rhythmisch aufschlagen lässt. Und so zieht sich Springsteen`s Tonkunst über weite Teile des Albums. Mal gewohnt Boss, mal neuartig, aber auch mal ungewöhnlich, blickt man auf sein eingefahrenes Klangefüge zurück. Als Springsteen-Jünger kann ich schon jetzt sagen, dass meine Erwartungshaltung an „Western stars“ doch eine andere war. Der Künstler verlässt jegliches rockiges Gefilde und begibt sich vorsichtig abtastend, wenn auch sehr sicher, auf neues Terrain. Bestes Beispiel hierfür ist vielleicht „There goes my miracle“, dass melodiöseste Stück des Albums, gleichzeitig eines der schwächeren Titel des Longplayers. Springsteen`s Timbre erscheint hier ungewöhnlich hoch und sauber, nichts von seiner rauen, stimmlichen Facette, die ihn so ausmacht. Auch instrumental sind manche Töne für einen rockverwöhnten Springsteen-Anhänger leicht dissonant. Das zu schreiben tut weh, aber so ist meine Empfindung dort hingehend. Jedoch obliegt jenes selbstredend dem jeweiligen Zuhörers selbst.

Southern california pop, so betitelte Springsteen jüngst selber seinen neuen sound, und der wird wohl auf „Sundown“ sehr deutlich.

 

Ähnlich ergeht es mir mit „There goes my miracle“. In den Song zu kommen fällt auch nach mehrmaligem hören nicht leicht. Nichtsdestotrotz steht es einem Mann wie Bruce Springsteen natürlich zu, neue Wege zu gehen, oder sie zumindest auszuprobieren. Erweiterung gehört selbstredend in das Repertoire eines jeden Künstlers. Und es gibt ja auch einige Stücke auf dem Album, die für „alteingesessene Anhänger“ versöhnlicher klingen und aufhorchen lassen. Neben dem genannten „Tuson train“, ist es vor allem das titelgebende Stück „Western stars“, welches von einem abgehalftertem Filmstar handelt, oder „Chasin´ wild horses“. Zwar ruhigere Nummern, aber näher an Springsteen. Im Übrigen darf bei aller Kritik nicht vergessen werden, dass Springsteen selbst in der Presseankündigung zu „Western stars“ den musikalischen Wandel selber ankündigte. Er bezieht sich darin auf den southern california pop der späten 60er und früher 70er Jahre.

 

 

Fazit:

Die Songs auf „Western stars“ haben eine bemerkenswerte Leichtigkeit, angehaucht von den erwähnten musikalischen Einflüssen. Zwar überzeugt das Album mit einer deutlichen Reduktion der Instrumentierung der Arrangements und kompositorischer Sauberkeit, jedoch vermisse ich persönlich den Schmerz und die Melancholie eingangs erwähnter, früherer Solowerke Springsteen`s. Die Authentizität eines ehrenhaften, hart arbeitenden Amerikaners, wird hier nur bedingt vermittelt, musikalisch (wenig Gitarre, stattdessen viel Pedal-Steel, Streicher und Bläser), und vor allem inhaltlich. Auch wenn jener Arbeiter schon seit Beginn Springsteen`s Karriere nur eine fiktive Figur in seinen Songs war, überzeugte er stets in jener Rolle und nahm so seinen festen Platz in der amerikanischen Arbeiterklasse ein. Ein wenig mehr dieser verloren gegangenen Elegie, in Ton und Text, hätte ich mir auf seinem neuen Werk gewünscht. Vor allem aber mehr Rock `n` roll!

Western stars“ ist zu glatt und freundlich produziert. Trotz allem gelang Bruce Springsteen hier ein bemerkenswertes Alterswerk, wenn man es dann so nennen möchte. Mild gestimmte Songs zwischen County, Folk und west-cost-pop. Der Boss transportiert hier zwar inhaltlich bedingt das Lebensgefühl der Amerikaner, doch ohne politische Facetten und einer robusterer Produktion, die dem Werk sicher gut getan hätten. Denn der Mann aus New Jersey, der den Autor seit Jugendzeiten begleitet, kann mehr. Bleibt zu hoffen dass die angekündigten Aufnahmen mit der E-Street Band, für den kommenden Herbst wieder den nötigen drive haben werden, welcher hier aus Sicht des Schreiberlings doch etwas vermisst wird.

 

Der Hengst übrigens, welches das Cover von „Western stars“ ziert, stammt gar´aus Springsteen`s eigenem Stall. Er ist Eigentum von ihm und Patti Scialfa, die, wie schon erwähnt, auch Gastauftritt auf „Western stars“ hat (background vocals in „Sundown“, „Somewhere north of Nashville“, „There goes my miracle“).

 

 

 

 

 

 

rockfrank