rock will never die
   rock will never die

  Im Gespräch mit...Anne Haigis

photo by: Michael Bahr

 

rockfrank.com traf die prägendste Stimme der deutschen Rock- und Popgeschichte zu einem entspannten Interview in den Bonner Rheinauen nund sprach mit ihr über Ihren musikalischen Werdegang, aktuellen Live-Auftritten und die Musikszene im Allgemeinen.

 

 

rockfrank: Gibt es aktuell etwas, das du privat gerne hörst? Also eine Band oder einen Künstler

bzw. eine Künstlerin, die dich gerade besonders begeistert?

 

Anne Haigis: Auf jeden Fall immer Zucchero. Ich habe eine Zeit lang ganz viel Beth Hart gehört. Außerdem De-Amitri, Lenny Kravitz, Adele oder die Dixie Chicks. Chris Stapleton ist auch aktuell bei mir. Aber ich höre Musik nur im Auto.

 

rockfrank: Du lebst in Bonn, hast aber immer auch eine enge Verbindung zu Köln gehabt – etwa durch dein Album „Homestory“, oder die Trude-Herr-Lieder in deinem Programm. Was verbindet dich heute noch mit der Domstadt?

 

Anne Haigis: Auf jeden Fall meine Friseurin (lacht). Ich habe noch Freunde in Köln, und mein Album „Homestory“ wurde in meiner eigenen Wohnung in Köln aufgenommen. In dieser konnten wir die Räume entsprechend aufteilen, sodass das Studio im vorderen Teil der Wohnung war, und die Aufnahmeräume hinteren. Ich hatte immer etwas außergewöhnliche Locations für meine Aufnahmen. Für das Album "mi:" z.B. habe ich in Holland ein Haus in einem Ferienpark gemietet. Da haben wir unser mobiles Studio hin mitgenommen und blieben dort für zwei Monate. 

 

rockfrank: Du bleibst der Stadt also emotional verbunden.

 

Anne Haigis: Auf jeden Fall.

 

rockfrank: Gehen wir mal ins Jahr 1984: Nach zwei englischsprachigen Jazzalben bist du mit deinem Wechsel zu EMI Electrola zu deutschsprachigen Songs übergegangen. Hast du in dem Labelwechsel neue, künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten für dich gesehen?

 

Anne Haigis: Ich wurde auf Empfehlung von Albert Mangelsdorff von der EMI mehr oder weniger abgeworben. Der war seinerzeit beim United Jazz & Rock Ensemble. Da war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Ich dachte mir, „Komm, probiere mal was Neues“ und die EMI wollte, dass ich deutsch singe. Edo Zanki produzierte dann mein erstes deutsches Album. Für mich war es ein Experiment. Ich dachte mir ich kann doch als Schwäbin kein Deutsch singen. Heute singe ich die Sachen teilweise wieder in meinem aktuellen Programm.

 

rockfrank: Zu Beginn deiner Karriere – ich sagte es eben – warst du stark vom Jazz geprägt, und das zu einer Zeit, als die NDW ihren Höhepunkt erreichte. Haben dich die damaligen Trends nicht interessiert, oder war für dich von Anfang an klar, dass du deinen eigenen musikalischen Weg gehen wolltest?

 

Anne Haigis: Mit der NDW hatte ich gar nichts zu tun. Die hat mich auch nie interessiert. Dazu bin ich zu sehr Sängerin. Dazu bin ich zu sehr im Rock, Folkrock, Bluesrock, Southern Rock verwurzelt - das ist so meine Welt.

 

rockfrank: Welche Erinnerungen an diese Zeit bringen dich heute noch zum Lächeln?

 

Anne Haigis: Da gab es einige lustige Sachen. Z.B., wenn ich in der ZDF-Hitparade auftreten musste. Wenn man in die Charts eingestiegen ist, musste man automatisch in die ZDF-Hitparade. Das war eine Schmach für uns Rocker. Wir haben uns dann hinterher immer unser Gemüt in der Kneipe „Breitengrad“ gekühlt. Da waren wir hinterher immer alle und sind fürchterlich abgestürzt (lacht).

 

rockfrank: Du hast mal Beth Hart als dein beeindruckendstes Konzerterlebnis bezeichnet. Welchen Stellenwert haben Authentizität und Selbstverwirklichung, wie Beth Hart sie lebt, für dich beim Schreiben deiner eigenen Songs?

 

Anne Haigis: Es gibt Songs von mir, die sind total authentisch. Ich bin aber auch in der Lage einen Song so zu leben, dass ich die Geschichte erzähle und da emotional reingehe. Ich sehe mich eben hauptsächlich als Sängerin und nicht als Songschreiberin.

 

rockfrank: Einige deiner Songs wirken sehr persönlich. Bei „Um dich doch zu bewahrn“ oder „Heckenschützen der Angst“ könnte man den Eindruck gewinnen, dass eigene Erlebnisse darin eine Rolle spielen. Welche Bedeutung hat autobiografisches Schreiben für dich?

 

Anne Haigis: Finde ich wichtig. „Freundin“ ist z.B. auch ein authentischer Song. Es sind schon einige autobiografische Songs. Wenn ich Waltzing Mathilda singe, ist das natürlich keine Autobiographie, aber der Song ist schon ein Highlight in meinem Programm. Oder "Papa" und "Nacht aus Glas" von Trude Herr. Die Songs hat bis heute niemand anders gesungen. Ich sehe sie fasst als meine Lieder an.

 

photo by: Jahn Rüthers

 

rockfrank: Du hast mit Künstlerinnen und Künstlern wie Wolf Maahn, Melissa Etheridge, Eric Burdon, Tony Carey, Nils Lofgren und den Harlem Gospel Singers zusammengearbeitet. Wer hat dich dabei am nachhaltigsten beeindruckt?

 

Anne Haigis: Ich denke es war Tony Carey.  Er schreibt tolle Texte. Wenn ich heute „No man`s land“ singe, denke ich, das könnte man auch so und beim nächsten Mal wieder anders interpretieren. Tony erzeugt tolle Bilder und Metahpern, wodurch der Song immer wieder anders interpretierbar ist.  Er ist ein Wahnsinnssänger und Instrumentalist. Wir haben uns vergangenes Silvester zufällig auf der Schwäbischen Alb getroffen. Tony war dort im selben Hotel wie ich, und so haben wir am Silvesterabend zusammen gespeist. Mit Ulla Meinecke habe ich auch noch Kontakt. Mit ihr spiele ich manchmal auch zusammen auf der Bühne. Aber ich bin sonst nicht so ganz aktiv in der Szene drin.

 

photo by: Anne Haigis

 

rockfrank: Du bist nach wie vor sehr aktiv auf der Bühne. Hat das Live-Geschäft für dich einen größeren Stellenwert als lange Studiosessions – oder täuscht dieser Eindruck?

 

Anne Haigis: Auf jeden Fall. Früher habe ich das Studio gehasst, weil ich eigentlich nichts damit zu tun hatte, außer mit dem Teil, wo ich gesungen habe. Die Produzenten haben produziert und irgendwann habe ich nur draufgesungen. Mittlerweile ist das komplett anders. Ich habe mein letztes Album selbst produziert. Ich habe mittlerweile ein eigenes Studio zu Hause. „Carry on“ ist während Corona entstanden. Ich hatte so viele Konzerte, die plötzlich nicht mehr stattfinden konnten. Da dachte ich, ich muss irgendwas machen. Ich kontaktierte meinen Gitarristen, Jens Filser, sowie meinen Pianisten, Niklas Hauke, und wir schickten uns die Files hin und her. Das hat richtig Spaß gemacht. Wir haben uns nicht gesehen, konnten nur telefonieren, und ich finde, es ist ein großartiges Album geworden.

 

rockfrank: Blues, Rock, Gospel und Folk sind die musikalischen Genres, in denen du dich zu Hause fühlst. Du warst aber auch Gastsängerin einer „Tribute to Johnny Cash“-Tour. Ist die Countrymusik ein weiteres Element, das dich begeistert?

 

Anne Haigis: Total. Da gibt es großartige Sachen. Allison Krauss, z.B., finde ich ganz toll.

 

rockfrank: Was verbindet dich heute noch mit dem Schwarzwald, deiner Heimatregion, wo in Rottweil einst alles mit dem „Kleinstadt-Blues“ begann?

 

Anne Haigis: Wenn ich den Blues habe, singe ich immer noch. Danach geht es mir besser. Wenn man einen kleinen Depri hat, hilft Singen immer. Aber familiär sind wir alle von dort weg.

 

rockfrank: Hier in Bonn sind jetzt deine Wurzeln?

 

Anne Haigis: Ja. Ich habe meine Wohnung hier, ich finde Bonn schön und habe Freunde in Köln. Ich lebe hier für meine Konzerte.

 

rockfrank: Du dürftest einen einzigen Moment deiner Karriere für immer konservieren – welcher wäre das?

 

Anne Haigis: Ich habe mal mit meiner Akustik-Band in Weißenfels, bei Leipzig, auf einer Burg gespielt. Der Mond war genau vor der Bühne, und wir spielten als Zugabe gerade „Bed of roses“ von Bon Jovi. Das war ein Feeling, das ich nie vergessen werde. Es gab natürlich Momente und Begegnungen, die auch toll waren. Mein Zusammentreffen mit David Bowie im z.B.Ich rettete damals einen Hund aus einem Pet Shop, und er fand die Aktion klasse. So was vergisst man nicht.

 

rockfrank: Gibt es noch einen musikalischen Traum oder ein Projekt, das du dir unbedingt erfüllen möchtest?

 

Anne Haigis: Mit Zucchero singen. (Lächelt.) Oder mit Bryan Adams. Da sind so meine Tagträume.

 

rockfrank: Nach all den Jahren: Gibt es einen Moment, ein Lied oder eine Begegnung, bei denen du heute noch denkst: „Dafür hat sich der ganze Weg gelohnt“?

 

Anne Haigis: Ich denke, das Gefühl habe ich jedes Mal, wenn ich auf der Bühne stehe. Das kann ich nicht an einem Moment festmachen. Ein Highlight war aber mit Sicherheit das Wackersdorf Festival. Vor 100.000 Menschen zu stehen, war schon ein besonderer Moment.

 

rockfrank: Zum Schluss: Stimmst du mir zu, wenn ich sage: Musikalische Vielseitigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch deine Karriere – mit Ausdrucksformen vom Jazz über deutschsprachigen Pop bis hin zu Rock, Blues und reduzierten Live-Formaten?

 

Anne Haigis: Auf jeden Fall. Gerade das Doppel-Album „Dancing In The Fire“ war eine tolle Produktion, die damals in Köln entstanden ist.

 

 

 

 

 

rockfrank: Ich bedanke mich für Deine Zeit und das angenehme Gespräch mit Dir hier in Bonn, unmittelbar in Rheinnähe. Ich wünsche Dir für die Zukunft alles Gute.