photo by: Ji-In Cho
rockfrank.com traf die ehemalige Krypteria-Frontfrau Ji-In Cho zu einem entspannten Gespräch in Leverkusen. Dabei ging es um ihre musikalische Laufbahn, die Zeit mit Krypteria und die persönliche Bedeutung der Musik in ihrem Leben.
rockfrank: Vinyl ist auch immer eine Reise zu den eigenen musikalischen Wurzeln. Manche Platten begleiten uns ein Leben lang, andere erinnern an besondere Lebensphasen. Zu welchen Alben kehrst du immer wieder gerne zurückkehrst?
Ji-In Cho: Ich bin ein Nirvana-Fan und mochte die Alben sehr gerne. Queen fand ich natürlich ebenfalls toll. Die ‚Greatest Hits Vol. 1‘ hatte ich mir damals auf Vinyl gewünscht – und auch bekommen.“
rockfrank: Du bist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Haben koreanische Traditionen oder Werte dich dennoch auf deinem musikalischen Weg mitgeprägt?
Ji-In Cho: Total. Ich durfte z. B. nie fluchen und habe auch nie geflucht. Ich habe mich dann auch lange bei vielen Songtexten geweigert, zu fluchen. Aber irgendwann kann man den Einfluss (koreanisch/deutsch) nicht mehr auseinanderhalten.
Meine Eltern haben mich aber grundsätzlich sehr geprägt. Ich habe schon sehr früh klassisches Klavier gelernt. Später sollte ich auch klassischen Gesang lernen, was ich dann tatsächlich tat. Ich habe mich aber eigentlich nie so richtig für Klassik interessiert, habe in dem Bereich trotzdem viel gemacht.
rockfrank: Du hast Theologie studiert und bist schließlich beim Metal gelandet. Gab es etwas, das du ursprünglich in der Religion gesucht hast, aber erst durch die Musik finden oder ausdrücken konntest?
Ji-In Cho: Musik hat schon immer eine große Rolle gespielt und war mein Ventil für alles. Singen war für mich immer ganz normal – fast cooler als Sprechen.
Und die Theologie: Ich habe mich irgendwie schon immer gefragt: Was ist der Sinn des Ganzen? Und solche Sachen. Irgendwie hat sich alles zusammengefügt, aber die Musik war letztlich doch einflussreicher.
Irgendwann habe ich mich dann ein wenig von der Theologie entfernt, weil die Musik natürlich wahnsinnig viel Raum einnimmt. Außerdem kann man das eine nicht immer vollständig vom anderen trennen. Manchmal bedingt das eine ganz automatisch das andere – das Denken, die Gefühle und die Kreativität.
Wenn man über Songtexte und Songinhalte nachdenkt, kommen schließlich auch Fragen auf wie: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Warum ist die Welt so, wie sie ist?
rockfrank: „Liberatio“ wurde 2004 durch einen RTL-Spendenaufruf (nach der Tsunami-Katastrophe) einem Millionenpublikum bekannt und machte das Musical-Projekt Krypteria zur Rockband. Wie hast du diesen Durchbruch damals erlebt?
Ji-In Cho: Ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen. Keiner hat mich wirklich auf das Musikbusiness vorbereitet, von daher war es schon ein wenig crazy, auf einmal so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich brauche zwar tatsächlich die Bühne, aber keine Aufmerksamkeit abseits davon. Wenn ich von der Bühne gehe, habe ich gerne direkt meine Ruhe und laufe inkognito umher. Aber auf der Bühne brauche ich meinen Applaus.
Insofern war es auch ein kleiner Schock, weil man merkt, dass es um andere Dinge geht als nur um die Musik. Da kommt das Business dann auf einen zu, und davon war ich schon überwältigt. Aber ich war in den besten Händen, denn ich hatte ja eine Band mit erfahrenen Leuten um mich herum, und die haben mich, glaube ich, auch ein wenig geschützt.
Im weiteren Verlauf des Gesprächs sprach ich Ji-In auf die 2025 veröffentlichte Single „A New Dawn“ von Krypteria an. Zur Überraschung des Interviewers erklärte sie daraufhin, dass weder sie selbst noch ein anderes Mitglied der ursprünglichen Besetzung an dem Titel beteiligt sei.
Bereits 2016 hatte die Band unter dem Namen And Then She Came einen musikalischen Neuanfang gewagt. Der Sound wurde geradliniger: weg von den lateinischen Chören und dem Symphonic Metal, hin zu modernem Rock. Gleichzeitig legten die Musiker den Namen Krypteria ab, der fortan von anderen Bands verwendet werden konnte. Offenbar ist dies im Fall von „A New Dawn“ geschehen.
rockfrank: Du hast von Pop über Symphonic Metal, Gothic bis Rock die unterschiedlichsten Genres erlebt. In „Der Fluch des Drachen“ singst du sogar auf Deutsch. Wo fühlst du dich musikalisch heute am meisten zu Hause?
Ji-In Cho: Ich hatte während der Corona-Zeit mal ein Stipendium bekommen und durfte mich kreativ ausleben. Ich habe dann einen Versuch gestartet, Musik zwischen Funk, Soul und Metal/New Metal zu machen. Vor ein paar Wochen hatte ich ein Solo-Konzert. Und das ist gerade tatsächlich mein Zuhause.
rockfrank: Und auf deinen Konzerten singst du Solo Titel, oder auch alte Krypteria Nummern?
Ji-In Cho: Ich habe einige neue Songs geschrieben, aber auch ein paar Stücke von And Then She Came neu arrangiert und ihnen ein neues musikalisches Gewand gegeben. Das Ganze habe ich zudem in einer anderen Besetzung umgesetzt, mit weiblichem Backgroundgesang. Ich war schon immer ein Fan von Frauenpower – En Vogue zum Beispiel. Der mehrstimmige Gesang der Band hat mich seit jeher fasziniert. Diesen Ansatz habe ich nun versucht, ein Stück weit in meine eigene Musik zu integrieren. Es war ein Experiment, und die Resonanz war gut.
rockfrank: Notenwenden erfordert Aufmerksamkeit, Timing und Orchestergefühl. Was aus deiner Zeit als Notenassistentin steckt heute noch in der Metalsängerin?
Ji-In Cho: Ich arbeite überhaupt nicht mehr mit Noten. Es ist aber gut, dass ich das alles kann – Notenlesen und Wenden (lacht). Das ist gar nicht so einfach. Einer Kollegin von mir sind beim Umblättern schon mal die Noten heruntergefallen. Das war für den Pianisten dann eher nicht so gut.
Wenn ich heute auf die Bühne gehe, arrangiere ich zwar alles und mache eventuell mal ein Sheet, aber vieles läuft mittlerweile über das Gehör. Das ist anders als in der Klassik, wo alles über Noten geht. Mit dem Notenwenden hatte ich in der Klassik natürlich viel zu tun. Dabei war ich manchmal nervöser als der Pianist selbst.
rockfrank: Wenn du heute auf deinen bisherigen musikalischen Weg zurückblickst: Was würdest du genauso wieder machen – und was vielleicht ganz anders?
Ji-In: Ich würde gerne noch Jazz studieren. Nur damals stand das überhaupt nicht zur Debatte. Da hieß es sofort: „Ji-In wird eine klassische Musikerin.“ Das ist übrigens auch so ein koreanisches „Ding“ gewesen. In jeder koreanischen Familie wurde mindestens ein Instrument gespielt. Und dann ging es meistens um Klassik.
Ja, das würde ich gerne noch machen. Aber ansonsten habe ich mich musikalisch ziemlich ausgelebt, das gemacht, worauf ich Lust hatte, und mir von niemandem etwas verbieten lassen. Am Ende geht es ja um mein Musikerleben und um meine Entwicklung. Und ich denke, sich immer weiterzuentwickeln, ist nie etwas Falsches. Die Welt ist bunt und die Musik genauso.
rockfrank: Gibt es aktuell musikalische Projekte an denen du arbeitest?
Ji-In: Ich bin Vocalcoach für die Young Stage Academy in der Abteilung Young Voices. Die Stadt (Leverkusen) baut gerade eine Talentschmiede für Schauspiel, Tanz und Musik auf. Für den Bereich Musik bin ich zuständig. Wir hatten dieses Jahr bereits einen tollen Auftritt hier im Forum.
rockfrank: Du hast mal in einer Coverband namens Jokebox gesungen. Was war das für Musik?
Ji-In: Ach Gott, jetzt kommen hier aber die ganz alten Kamellen (lacht). Das war damals eine ganz normale Coverband. Wir hatten aber sehr viele Auftritte, wodurch ich natürlich viel gelernt habe. Neben der Musikhochschule ist es natürlich immer das Beste, wenn man einfach auftritt. Was haben wir gespielt? Top 40 halt, wie es damals so üblich war. Heutzutage ist das, glaube ich, gar nicht mehr so beliebt. Heute macht man eher Tribute-Sachen, also Songs einer bestimmten Band spielt. Wir haben damals eben alles querbeet gespielt. Das war früher eher so gang und gäbe.
rockfrank: Weihnachten steht vor der Tür. Jemand schenkt dir einen Gutschein für eine Eintrittskarte von Metallica oder AC/DC. Wo würdest du hingehen?
Ji-In: Ich denke, zu Metallica. Aber ich war letzte Woche auf einem Stevie-Wonder-Konzert in Köln. Der Mann ist 76. Das Konzert war ausverkauft.
rockfrank: Ich bedanke mich für das entspannte Interview und wünsche dier für die Zukunft alles Gute.