rock will never die
   rock will never die

rockfrank talk to...Tony Carey

photo by: Marion Carey

 

 rockfrank traf den amerikanischen Singer/Songwriter und Ex-Rainbow Keyboarder Tony Carey zu einem entsapnnten Gespräch in Grafschaft (Kreis Altenahr) und sprach mit ihm über seine musikalische Vergangenheit, Gegenwart und Musik im Allgemeinen.

 

 

rockfrank: Tony, als du 1975 zu Rainbow kamst, warst du noch sehr jung. Wie hast du damals die Aufnahmen zu „Rising“ erlebt? War dir schon bewusst, dass hier musikalisch etwas ganz Besonderes entstand?

 

Tony Carey: Nein, auf keinen Fall. Heute, 50 Jahre später, denke ich manchmal daran zurück, wie die Konzerte damals waren … (schwelgt in Erinnerungen). Ich sag mal, die größte Venue, in der wir während der „Rainbow Rising“-Tour 1976 in Deutschland gespielt haben, war die Jahrhunderthalle in Frankfurt. Wir waren in England und Japan, auch in Australien. Unsere Vorgruppe war AC/DC – die waren genauso trinkfest wie ich.

 

Vor der Tour kam einfach alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort zusammen: Ich hatte mit meiner Schülerband, meiner ersten Band, einen Plattenvertrag bei ABC Dunhill Records. Die Plattenfirma hatte über eine Million Dollar in uns investiert und uns 1973 von Connecticut nach Hollywood, Kalifornien, geschickt. Ich wohnte sieben Monate lang in einem Bungalow im Chateau Marmont am Hollywood Boulevard. Das war etwas ganz Besonderes, zumindest vor 50 Jahren.

 

Aber am Sunset Strip, wo sich das Studio befand, kamen wir mit den Aufnahmen einfach nicht vorwärts. Man hatte uns den falschen Produzenten gegeben – Gary Katz von Steely Dan. Er gab uns keine Chance, im Studio richtig spielen zu lernen. Dann feuerte er einfach Teile der Band – alle außer mir und zwei Kumpels, dem Gitarristen und dem Sänger. Den Bassisten und den Schlagzeuger schickte er nach Hause. Aber sieben, acht Monate lang brachten wir nichts aufs Band, wirklich nichts. Es waren auch zu viele Drogen im Spiel, zu viel … ach, was weiß ich. Und dazu dieser Anspruch: Alles musste perfekt sein. Heute würde das nicht mehr so laufen.

 

Eines Tages waren wir im Proberaum, zusammen mit Jethro Tull und Alice (Cooper), 'Skunk' Baxter, Irving Stein (dem Manager des Studios) … und Ritchie Blackmore, der auf der Suche nach einem Keyboarder war. Er probte einen Raum weiter und hörte mich durch vier Wände hindurch spielen. Zuvor hatte er jeden erdenklichen Hammond-Organisten auf Erden ausprobiert. Dann bot er mir den Job an.

 

 

rockfrank: Nenne mir eine positive Erinnerung an Ronnie James Dio.

 

Tony Carey: Einfach ein großartiger Typ. Er war 14 Jahre älter als ich und für mich deshalb eher wie ein Onkel. Er war sehr erfahren und bereits 35 Jahre alt, als ich ihn kennenlernte. Ich liebte Ronnie - er war toll. Er kam aus Upstate New York, ein typischer Amerikaner. Die Hälfte seiner Crew (seiner Band Elf) stammte ebenfalls aus Cortland, New York, wo er herkam. Das passte wie die Faust aufs Auge.

 

Das Ganze ist jetzt 50 Jahre her, aber ich liebte Ronnie!

 

rockfrank: Viel zu früh gestorben, leider, 2010.

 

Tony Carey: Er hatte einen ähnlichen Krebs wie ich gehabt: Magenkrebs. Ich hatte Blasenkrebs. Aber er meinte, es war auch einfach zu viel shitty food unterwegs, das Catering z. B. Und er hat zu lange gewartet. Er war gerade 69, eine Tragödie.

 

photo by: Marion Carey

 

rockfrank: Vom wilden Wolf zum zahmen Drachen. „Run with the wolf“ und „Tabaluga“ – Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen musikalischen Bogen?

 

Tony Carey: Eigentlich war es kein Bogen. Ich weiß seit meinem fünften Lebensjahr, dass ich Musiker bin. Ich spiele alles. Eine klassische Keyboard-Ausbildung habe ich nie gemacht. Zuerst habe ich Kontrabass gelernt und im Schulorchester gespielt, im All-Connecticut Orchestra. Mit 17 Jahren stand ich vor der Entscheidung, ob ich mit dem Orchester auf Konzerttournee gehen oder verschwinden sollte. Ich entschied mich für Plan B und verschwand.

 

Aber was ich damit sagen will: Mir ist egal, welche Art von Musik ich spiele. Ihr habt in Deutschland eine ungesunde Angewohnheit: das Schubladendenken. Als ich 1978 hierherkam, sagte man mir: „Das ist Schlager, das ist Scheiße, etwas anderes muss gut sein“ und so weiter. Was ihr Schlager nennt, würden wir in Amerika meistens Country-Musik nennen, eben mit deutschen Texten. Und wem es einfach zusagt – Fahrstuhlmusik oder was auch immer –, dann ist das eben so. Okay, das ist jetzt auch wieder eine Schublade.

 

Es gibt eine Faustregel im Studio: Die Stimme darf nicht zu laut sein, sonst macht man Schlager draus. Frank Sinatra zum Beispiel. Alles, was du hörst, ist seine Stimme. Oder Elvis. Aber ich habe mich nie wirklich um das Schubladendenken gekümmert. Und das hat sich auch in den letzten 50 Jahren geändert. Musik ist Musik.

 

rockfrank: Die 80er sind heute längst Vergangenheit – aber „Room with a View“ trägt diese Zeit noch immer in sich. Wenn Du den Song heute hörst: Was ist für dich stärker – die Erinnerung an die 80er oder die Sehnsucht, die damals in ihm steckte?

 

Tony Carey: Erstens: Wenn du dich an die 80er-Jahre erinnern kannst, warst du nicht dabei! Aber die Frage knüpft an eine weitere Frage an, nämlich ob ich es satt bin, immer meine eigenen Titel zu spielen. Nein. Denn jedes Mal, wenn ich einen Titel von mir spiele, ist es eine Momentaufnahme, so wie ich ihn in diesem Moment interpretiere. Ich ändere mal die Tonart oder spiele den Song mal länger, mal kürzer. Das habe ich von Miles Davis gelernt (Bitches Brew, ein Live-Jam). Ich sah Miles, als ich 16 Jahre alt war. Er spielte einen Song über 50 Minuten mit dem Rücken zum Publikum, und Herbie Hancock und Jackie McLean (Mitglieder von Miles Davis' Band) spielten einfach.

 

Aber wenn du in einer Band mit einem spezifischen Sound bist, z. B. Foreigner, dann muss „I want to know what love is“ halt immer so klingen, sonst wird gemeckert, weil es nicht so klingt wie auf der Platte. Ich bin Gott sei Dank nicht in dieser Position. Ich kann klingen, wie ich möchte. Ich spiele alle meine Songs auf Gitarre oder Klavier. Oder halt mit Full Playback im Fernsehen, scheißegal. Wenn ich im Fernsehen bin, stelle ich das Mikro immer zwei Meter rechts von mir. Ehrlich, das tue ich.

 

rockfrank: Deine Mutter war Malerin. Was denkst du, kann ein Gemälde, genauso wie ein Song, einen Moment oder eine bestimmte Zeit festhalten?

 

Tony Carey: Früher waren Gemälde immer kirchlich gebunden. Sie wurden oft vom Hochadel für die Kirche in Auftrag gegeben. Es würde sonst keine Sixtinische Kapelle geben, wenn sie nicht von der Kirche bzw. dem Adel in Auftrag gegeben worden wäre.

 

Aber in Bezug auf deine Frage: Es ist schwer zu sagen.

 

Tony lässt sich die Frage nochmals vorlesen und fügt an:

 

Ja, kann es. Die Expressionisten, etwa um 1910, 15, 20, oder die französischen Impressionisten (1860 bis 1880). Ja, wenn du Künstler aus diesen Schulen siehst oder auch einen Dali oder Picasso und dergleichen, die ganzen „Verrückten“ (Vertreter des Surrealismus und Kubismus), dann kann ein Bild oder Werk von ihnen das einfangen.

 

rockfrank: Planet P Project war – ähnlich wie Supermax – besonders in Russland bzw. der Sowjetunion sehr erfolgreich. Warum, glaubst du, war eure Musik dort so populär?

 

Tony Carey: Das höre ich zum ersten Mal. Der Grund, warum ich das nicht weiß, ist: Russen zahlen keine Tantiemen. Eine russische Plattenfirma, die meinen Katalog in Russland veröffentlichen wollte, sagte mir, nachdem ich vorgeschlagen hatte, dass wir einen Deal machen: „Was für einen Deal? Wir zahlen gar nichts. Dafür wirst du aber populär in Russland.“ Ich sagte: „Danke, aber nein danke.“ Aber das ist ja witzig. Das ist großartig. Ich weiß, dass wir in Schweden und Norwegen sehr erfolgreich waren. Aber Russland ist mir neu. Das finde ich toll. Doswidanja!

 

photo by: Marion Carey

 

rockfrank: Als Produzent warst du u.a. für Joe Cocker, John Mayall, Pat Travers, Jennifer Rush, Chris Norman oder Peter Maffay, tätig. Wer hat dich dabei am nachhaltigsten beeindruckt?

 

Tony Carey: Auf jeden Fall Peter. Der ist so hartnäckig, hat einen eisernen Willen und das mit 77. Er machte gerade eine neue Platte (mit Johannes Oerding) und geht nächstes Jahr auf Tournee. Er macht es nicht des Geldes wegen, sondern nur, weil er so ein Sturkopf ist.

 

Ich musste lachen, als er vor ein paar Jahren sagte: „Das ist jetzt meine Farewell-Tour.“ Ich sagte: „Ja, ja, Farewell-Tour Nr. 1.“ (lacht) Unglaublich, er ist immer noch so aktiv. Manchmal haben wir in den letzten Jahren noch zusammengespielt.

 

rockfrank: Rock, Hardrock, Progressive Rock, Filmmusik, Singer/Songwriter - In welchem musikalischen Genre fühlst du dich heute am wohlsten?

 

Tony Carey: Singer/Songwriter. Wobei ich nie einen Singer/Songwriter produziert habe. Chris Norman kommt da aber am ehesten dran. Er denkt von sich, dass er ein Singer/Songwriter ist. Als ich ihn produziert habe, hatte er gerade sein 5. Kind erwartet. Das ist 40 Jahre her. Es war eine schwierige Zeit; er konnte nicht nach Deutschland. Ich habe dann die A-Seite seiner Platte im Alleingang in meinem Studio produziert und es ihm dann rübergeschickt. Er fand alles gut. Aber es wäre auch gut gewesen, wenn er es persönlich gemacht hätte. Er ist für mich ein Singer/Songwriter.

 

rockfrank: Welchen Beruf würdest du heute ausüben, wärst du kein Musiker geworden?

 

Tony Carey: Meeresbiologe. Wenn ich jung und fit wäre, würde ich auf den Bahamas auf einem Fischerboot arbeiten, auf einem Hochseeschiff. Ich habe alle Fische gefangen, die man fangen kann. Unter anderem habe ich fünfmal Thunfisch, alles bis zu 800 Pfund schwer.

 

rockfrank: Hat dein Vater nicht was ähnliches gemacht?

 

Tony Carey: Mein Vater war Entomologe, also Insektenforscher.

 

rockfrank: Wenn du heute auf deine gesamte musikalische Reise zurückblickst – gibt es noch etwas, das du unbedingt erleben, aufnehmen oder musikalisch verwirklichen möchtest?

 

Tony Carey: Ich habe viel gemacht, erstens. Und diese kleinen Gigs, die mache ich nicht des Geldes wegen. Aber was soll ich sonst machen? Ich werde in zwei Wochen 73 Jahre. In Amerika tritt die Rente bereits mit 65 Jahren ein. In Deutschland erst mit 67.

 

Meine Wünsche sind weitestgehend erfüllt worden. Ich bin selbst durch katastrophale Zeiten immer durchgekommen mit Hilfe des Universums. Ich bedanke mich dafür nochmal herzlich. Aber ich sage niemals nie: Wenn das Telefon klingelt und es ist Celine Dion und sie noch ein großes Duett machen will, dann bin ich da.

 

rockfrank: Was wünschst du dir, wenn die Menschen heute Abend nach deinem Konzert nach Hause gehen, was sollen sie von Tony Carey mitnehmen?

 

Tony Carey: "Der kann das doch!" Meine Platten sind voll mit Musik, repräsentieren aber überhaupt nicht das, was ich heute mache. Das Motto des Abends ist „Songs & Stories“. Ich male ein Bild von meiner Kindheit aus den 50ern - Anekdoten und Songs. Es ist eine interessante, bizarre Situation. Wenn du ein Lamborghini Verkäufer wärst, musst du dem Interessenten nur den Schlüssel geben, und alles ist klar. Wenn ich einen Song singe, erkläre ich den Text dem Publikum. Ich sage um was es geht, und dann singe ich das. Das ist bizarr. Wie gesagt, der Lamborghini spricht für sich.

 

 

 

 

 

 

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Redaktionsassistenz: Sandra B.